Im Kern widmet sich die Gesundheitsökonomie der Frage, wie medizinische Ressourcen wie Finanzen, Personal und Leistungen optimal verteilt werden können. Dies basiert auf einem gemeinschaftlichen Zielverständnis der Versicherten. Auch wenn die absolute Gesundheitsmaximierung das naheliegendste Ziel wäre, zwingen endliche Mittel trotz globaler Ausgaben von zehn Billionen US-Dollar zur Priorisierung. Zudem ist der Grenznutzen von Gesundheitsinvestitionen abnehmend: Steigen die Ausgaben zulasten anderer elementarer Bereiche wie Bildung oder Infrastruktur, kann dies durch die strukturelle Vernachlässigung wiederum zu negativen gesundheitlichen Effekten führen.
In Anbetracht der skizzierten endichen Ressourcen lassen sich andere Zielsetzungen formulieren, die hier beispielhaft aufgeführt sind:
- Maximierung der Überlebenszeit: Fokus auf reiner Verlängerung der Lebensdauer des Individuums, unabhängig von den Begleitumständen oder dem Leidensdruck.
- Maximierung der Lebensqualität: Fokus auf Erhalt oder Wiederherstellung von Funktionalität, Schmerzfreiheit und Wohlbefinden, selbst wenn dies keine Lebensverlängerung bedeutet.
- Maximierung der ökonomischen Produktivität: Fokus auf maximaler Arbeitsfähigkeit der Versicherten, wobei Heilung Mittel zum Zweck der wirtschaftlichen Wertschöpfung ist.
- Maximierung der reproduktiven Produktivität:: Fokus auf maximaler Reproduktion eines Volkes, wobei Gesundheitsmaßnahmen zum Ziel haben, die Kinderzahl zu maximieren - mit entsprechenden Folgen für Menschen, die nicht mehr fruchtbar sind.
Nur wenige Gesundheitssysteme verfügen über eine konkret ausformulierte Zielsetzung. Die Maximierung der reproduktiven Produktivität ist dabei lediglich ein theoretisches Beispiel, das aufzeigen soll, wie stark sich gesundheitspolitische Ziele vom heutigen deutschen Ansatz unterscheiden können. Interessanterweise war jedoch die Maximierung der ökonomischen Produktivität der Kerngedanke bei der historischen Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland.
Auch das heutige deutsche Gesundheitssystem verfolgt kein explizit definiertes, einheitliches Ziel. Leistungen werden in der Regel unabhängig von Kriterien wie Alter oder ökonomischem Nutzen bewilligt. Bei nachgewiesener Wirksamkeit werden fortlaufend neue, oft kostenintensive Behandlungsmethoden in den Leistungskatalog aufgenommen, was in den letzten 20 Jahren zu einer inflationsbereinigten Kostensteigerung in Höhe von XY führte. Am ehesten lässt sich dem deutschen System daher de facto das Ziel der Maximierung der reinen Überlebenszeit zuordnen.
Am ehesten erscheint daher eine Zurodnung des deutschen Gesundheitssystems zum Ziel der Maximierung der Überlebenszeit sinnvoll.
Für alle weiteren Beiträge auf diesem Blog wird jedoch die Maximierung der Lebensqualität als erstrebenswertestes Ziel definiert. Diese Prämisse bedarf keiner tieferen Begründung, sondern wäre legitim, wenn sich die Mehrheit der Versicherten damit identifizierte. Über die Frage, ob dem so ist, soll an dieser Stelle keine Aussage gemacht werden.